Syberia

Adventures … eine scheinbar vom Aussterben bedrohter Gamesart. Doch jedes Jahr erscheinen einige gute bis geniale Spiele … und jedes Jahr werden es mehr! Und so schaffte es auch ein kanadisch-/französisches Adventure auf den deutschsprachigen Spielemarkt: Syberia. Als Quasi-Nachfolger zum Game “Amerzone” versuchte das Spiel, den Gamer mit einer unglaublichen Grafik, einem attraktiven Hauptcharakter und einfach mit der Tatsache, dass es sich um ein Adventure handelt, vor den Bildschirm zu fesseln. Ob das den Entwicklern von Microids gelungen ist, beantworte ich dir in meiner heutigen Review!

From Kate with Love …

Du bist diesmal die junge Anwältin Kate Walker aus New York. Dein erster großer Auftrag, der dir von deiner Kanzlei auferlegt wurde, ist die Abwicklung des Verkaufs einer traditionsreichen Spielzeugfabrik in Europa. Jahrhundertelang war diese Firma im Besitz der Familie Voralberg (nicht zu verwechseln mit dem österreichischen Bundesland im Westen), doch durch die neuen, elektronischen Spielzeuge rentierte sich der Verkauf der dort hergestellten, mechanischen Spielzeuge und Automaten einfach nict mehr, und die letzte Lebende, Frau Anna Voralberg wollte die Firma an ein amerikanisches Unternehmen verkaufen. Und deswegen macht sich Kate auf den Weg nach Frankreich, in das verträumte kleine Städtchen Valadilene … eigentlich sollten dort nur Kaufverträge unterschrieben werden … doch …

Kurz nach der Ankunft unserer Hauptprotagonistin verstirbt Frau Voralberg und lüftet in einem Schriftstück, welches sie Kate hinterlegt hatte, ein jahrelang gehütetes Geheimnis. Sie war nämlich nicht die einzige Lebende Voralberg … da gab es noch Hans. Und genau diesen musste nun auch Kate aufsuchen … um die Kaufverträge entgültig abzuschließen. Und so macht sie sich auf, nach Osteuropa, zwischen die Alpen und nach Sibirien. Bis sie bemerkt, dass Hans Voralbergs Visionen von einer mechanischen Welt vielleicht schon Realität geworden sind: an einem geheimnisvollen Ort namens Syberia.

Wer sich von diesem Adventure Humor in Monkey Island – Manier erwartet, der wird sicherlich enttäuscht. Nein, natürlich ist das Spiel auch nicht todernst, den Humor haben die Entwickler aber in groteske Situation, und subtile Gespräche eingebaut. Irgendwie scheint mir das ein intelligenter Humor zu sein (wobei ich hier jetzt natürlich nicht behaupten möchte, dass der Ehestreit der Threepwoods nicht intelligent wäre ;-) .

Weiters ist Kate keine Person, von der man im Spiel so gut wie gar nichts erfährt … nein, nein … denn in Telefonaten, die sie mit ihrem Handy führt, telefoniert sie u.a. mit ihrer Mutter oder ihrem Freund. Und sie vollführt in diesem Spiel auch eine überzeugende, glaubwürdige Charakterwandlung.

Ein Comic-Adventure?

Naja, so könnte man fast meinen, aber, das Spiel wurde nur von einem bekannten französischen Grafik-Novelisten namens Benoît Sokal mitgestaltet. Die Hintergrundgrafiken, die Figuren, dies alles stammt aus seiner Feder.

Bekannt wurde er als Schöpfer des “Inspektor Canardo” … doch schon Ende der Neunziger brachte er sein erstes Spiel heraus, ebenfalls ein Adventure, nämlich Amerzone. Dann folgten eigentlich nach Syberia nur Syberia 2. Jetzt arbeitet er mit seiner eigenen Firma White Birds an einem grafisch ebenso überwältigendem Spiel namens Lost Paradise.

So, weil ich ja immer über die Grafik spreche … nun ja, was soll ich sagen: Klasse? Superduper? Oder einfach nur ausgezeichnet? Naja, sie gehört wirklich zum besten, was man als Adventurespieler überhaupt zu sehen bekommen hat. Die Hintergründe sind wunderschön gezeichnet, voll mit kleinen Details und die Charaktere sind ebenfalls detailliert, schön gezeichnet und passen wunderbar in die Umgebung. Übrigens benutzt dieses Spiel, wie auch Cold Blood oder Runaway die bekannte 2D / 3D – Kombination. Gezeichnete Hintergründe (2D) mit 3D-Charakteren. Denn nur dadurch konnten so viele Details in den Hintergrund hineingebaut werden.

Die vielen Videosequenzen sind einzigartig, schön gerendert, und wirklich von einem tollen “Regisseur” gemacht. Sie eröffnen dir die Welt von Syberia noch besser und du wirst schon nach kurzer Zeit die Geschichte, die Videos, Kate und das Spiel lieben!

Stets verwischt sich in diesem Spiel die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Einerseits kann man in Syberia Anlehnungen an das 20. Jahrhundert bewundern. Darunter befinden sich direkte Referenzen wie der verfallene Industriekomplex Komkolzgrad, einstige Vorzeigefabrik eines kommunistischen Regimes, heute nur noch Symbol für dessen Versagen, oder weniger explizite Andeutungen wie eine Portion Fortschrittskritik, wenn es um den Verkauf der Traditionsmanufaktur der Voralbergs geht, oder das leise Beklagen der Umweltverschmutzung durch unverantwortlichen Umgang mit der Natur.

Andererseits haben alle Charaktere in diesem Spiel irgendetwas groteskes, Einsiedler-mäßiges an sich … jeder lebt in seiner eigenen Welt, abgeschlossen von der Außenwelt. Und Sokal hat sich auch daran gemacht, neue Tiere, Pflanzenarten oder gar Völker zu schaffen, ihnen Namen zu geben, doch dass ohne dabei die Fiktion offen darzulegen. Man fragt sich immer, was denn nun Fiktion und was Realität ist … den surrealistischen Einflüssen von Benoit Sokal konnte sich Syberia sicher nicht entziehen, und das ist auch gut so!

Ein Problem hat das Adventure aber doch. Anklickbar sind nur relevante Objekte, jene, die du auch für das Rätsel brauchst. So bleiben Gedanken über eine abgebrochene Messerklinge auch nur Gedanken, solange man es nicht für ein Rätsel braucht. Dadurch kann Kate natürlich mit viel weniger Objekten interagieren … und die Spielwelt ist auf einmal, ein klein bisschen weniger lebendig … schade.

Rätselmäßig kann sicherlich Syberia nicht eine so große Quantität bieten wie z.B. Tony Tough, Monkey Island oder Baphomets Fluch. Doch das Spiel lebt nicht von den Rätseln, sondern von der Geschichte, von den Charakteren, von Kate. Die Rätsel, die dir aber vorgesetzt werden, sind halbwegs fordernd, für Profis aber zu einfach. Durch die lineare Führung das Adventures wird das Inventar nie zu voll, meist findet man alle Dinge, die man für ein Rätsel braucht auch leicht und offensichtlich in der näheren Umgebung. Neben einigen Aufgaben wie das Betätigen von Hebeln und Schalten gibt es aber auch neue, interessante Rätsel, die auch wirklich klasse in das Spiel passen.

Musikalisch geht es in Syberia eher unspektakulär her, in den vier Spielewelten (mit den vielen verschiedenen Hintergründen) gibt es jeweils eine eigene Musik … die man am ehesten als klassisch einstufen kann. Doch auch Nicht-Fans müssen schon nach kurzer Zeit zugeben, dass die Musik zum Spiel, zur Umgebung super passt! Und in den Zwischensequenzen kann man z.B. auch mal eine Opernsängerin bewundern … eigentlich komisch für ein Adventure … doch Syberia schafft es, irgendwie einen eigenen Stil zu finden, in dem solche Dinge einfach dazugehören. Die Soundeffekte, wie das Rattern der Zahnräder, oder das Dampfen der Lokomotive sind super, glaubwürdig und präzise dosiert.

Point … Und dann hat es Klick gemacht.

Die Steuerung ist einfach, so wie man es sich von einem guten Adventure erwartet. Gesteuert wird nämlich mit der Maus, und dessen Mauszeiger verändert sich, je nachdem über was er gerade steht. Wenn er etwas benutzen kann, zeigt sich die Hand, wenn er etwas betrachten kann, eine Lupe und wenn er mit jemanden kommunizieren kann eine Sprechblase.

Mit der rechten Maustaste hingegen ruft man das Inventar auf, das sich in zwei Teile aufteilt. Der eine ist vielen schon bekannt, denn dort werden die Gegenstände gelagert, im anderen aber findest du Dokumente wie Tagebücher, Skizzen oder Fahrkarten. Vor allem dieser Teil wird bis zum Ende des Spiels voller.

Sprechen kann Kate auch. Und wenn sie sich mit einem dieser grotesken Charakter unterhält, kramt sie ihren Notizblock heraus, auf dem die für sie relevanten Themen stehen. Nachdem man dieses oder jenes Thema angeschnitten hat, wird es auch schon von der Liste gestrichen. Das ist zwar kein komplexes Dialogsystem, aber dadurch bleibt auch die Spannung erhalten.

Das Spiel ist übrigens vollkommen synchronisiert worden. Alle Texte wurden super ins Deutsche übersetzt, und selbst bei den fachsprachlichen Texten wie jene der Anwaltskanzlei wurde gezeigt, wie eine kompetenze Übersetzung aussieht. In wenigen Ausnahmen hat das Spiel aber mit Fehlern bei der Rechtschreibung, der falschen Interpunktion oder dem Satzbau zu kämpfen. Bei der Sprachausgabe hat Microids zwar vor allem bei Kate ins Schwarze getroffen, da sie eine angenehme Stimme hat, aber auch die meisten anderen Charaktere haben eine passende, gute Stimme verpasst bekommen. Jedoch gibt es einige, bei denen die Stimme irgendwie nicht zu ihrem Auftreten passen … aber darüber kann man doch hinwegsehen!

Die Systemanforderungen sind nicht allzuhoch: man braucht zumindest einen Pentium 2 mit 350 MHz, einen Arbeitsspeicher von 64 MB, eine 16 MB DirectX 8 kompatible Grafikkarte und 400 MB freien Speicherplatz … dann kann man das Spiel mit den minimalen Systemvorraussetzungen spielen. Empfohlen wurden aber ein Pentium 3 mit 500 MHz, 128 MB Arbeitsspeicher, eine 32 MB Grafikkarte und 1,1 GB freier Festplattenspeicherplatz.

Fazit: Zieh dich warm an … es geht in den hohen Norden Sibiriens …

Ich habe natürlich einige Tests über Syberia in Printmedien gelesen (GameStar, PC Games, ComputerBild-Spiele) und die waren ja alle nicht so begeistert von dem Spiel. Und deswegen kaufte ich es mir auch nicht … doch durch die PC Games Vollversion im November 2004 kam auch ich in den Genuss dieses Spiels. Und ich freue mich wieder einmal über die Heft-CDs.

Syberia ist ein Adventure wie ich es liebe: eine tolle Story, ein tolle Hauptcharakter, eine schöne Grafik (naja, die brauche ich in einem Adventure zwar nicht unbedingt), und eine super Musik … all das hat mich überzeugt. Kein anderes Adventure hat so viele schöne, einzigartige Hintergründe, so groteske Charaktere und eine so schöne Vermischung zwischen Realität und Fiktion. Einfach toll, so ein Spiel.

Naja, ich weiß noch nicht ob ich mir Syberia 2 kaufen werde … vielleicht in der Syberia-Collection, denn dann habe ich auch Syberia im Original und nicht auf einer Heft-CD. Naja, ich bin schon mal gespannt auf Lost Paradise, die Screenshots versprechen ja schon wieder eine Grafikpracht wie man sie nur von Benoit Sokal gewohnt ist. Die Syberia-Serie ist übrigens abgeschlossen, die Geschichte hat laut BS ein Ende gefunden.

Somit: Der Kaufvertrag muss unterschrieben werden!

7 von 10

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