Archiv für Februar 2008

Deed Poll

 

Etwas mehr als vierzig Minuten sanfte Gänsehaut und ein besonderes Ambiente. Leicht beängstigend und zum Schluss hin verstörend.

Durch den Blog von André habe ich schon so einiges über diesen Film gelesen. Deed Poll, ein deutscher Film, in englischer Sprache. Vor kurzem bekam ich das Päckchen mit der DVD und einer lieben Karte vom Drehbuchautor und Hauptdarsteller und sah ihn mir am selben Abend an.

Was mich an diesem Film sofort beeindruckt hat, ist die kühle Stimmung, die einen von Anfang an beunruhigt. Der Geschichte startet schnell, und erfährt nie einen Abbruch. Die S/W-Einstellung mit dem mir scheinbar eintretenden Einsatz von ganz wenig Farbe trägt zum Flair des Films bei. Der langsame Wechsel der Szenen und die dabei benützte Stille lässt warten und hoffen und glauben.

Deed Poll erzählt die Beziehung zweier reicher Geschwister, Sean und Ivy Poll, die nach dem gewaltsamen Tod der Eltern ihre lange verheimlichten Leidenschaften freilassen und nichts mehr darauf geben, den gewohnten “schönen Schein”, den sie durch ihre vornehme Erziehung aufgezwungen bekamen, zu wahren. Sie schaffen sich einen wertfreien Raum in ihrer Villa, in dem sie ihre Leidenschaften und Fantasien unreflektiert und unkontrolliert in die Tat umsetzen. //Homepage von Ingo J. Biermann

Der gesamte Plot beängstigt. Die scheinbar gewissenlose Ivy, die mit dem Mord an ihren Eltern die Freiheit zu genießen beginnt. Sean, der in der Liebe zu seiner Schwester auflebt. Die Drogen, die Menschen dazu bewegen, Dinge zu tun. Die Karten, das Symbol, welches sich durch den ganzen Film spinnt. Nathaniel, der junge Mann, der in der Verbundenheit zu Ivy, sich selbst aufgibt. Und schlussendlich auch der sprachlose Thor, der mit seinen Blicken und seiner Mimik die Spannung zum Schluss hin mehr und mehr aufbaut.

Dazwischen das Ausleben der Leidenschaft. Der Versuch durch sexuelle Abenteuer das Gefühl der Freiheit zu spüren. Homo- und heteroerotische Sexszenen, mit (vielleicht gespielter, vielleicht echter) Leidenschaft und Gefühl. Ivys Sehnsucht nach etwas Außergewöhnlichen. Ästhetische Sexszenen, zu zweit, zu dritt … zu viert. Und zwischen all der Sehnsucht nach Offenbarung der stetige Wunsch nach Liebe. Am Schluss endet die Liebe dort, wo man sie am wenigsten vermutet hat. Der Film ist etwas mehr als vierzig Minuten lang. Schön, dass er so kurz gehalten wurde. Dann hätte er wohl an Intensität verloren.

Die Einordnung des Regisseur als schwarze Satire empfinde ich als unpassend. Für mich war der Film viel eher bedrückend und aufwühlend. Wenig lustig, viel mehr zeigt vor allem das Ende die Abgründe des menschlichen Sein. Die Unverfrorenheit, die Folgen von Drogen und das Ende einer Liebe in der Fortsetzung eines Kartenspiels.

Die Kamerführung zeigt manchmal schnelle Schnitte, manchmal ganz langsame. Und obwohl alle vier Hauptdarsteller unglaubliche Arbeit leisten, möchte ich die schauspielerische Leistung von André Schneider und Gianni Meurer hervorheben. André, in seiner anmütigen Sanftheit, dem Spiel mit den Worten, und seinen Augen. Und genau jene haben mich auch bei Gianni Meurer beeindruckt. Durch die fehlenden Worte erscheint seine Person anfangs unscheinbar und entwickelt sich zum Schluss hin zum Hauptaugenmerk. Und André hat mit dem Drehbuch zu diesem Film auch sein unglaubliches Talent in diesem Metier bewiesen.

Erwartet euch vorher nichts. Der Film ist sowieso anders als alle Erwartungen sein können. Er ist in seiner eigenen Art wunderbar. Hat mich aufgewühlt und es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder richtig beruhigen konnte. Es ist ein Kunstwerk an sich. Eine verrückte Geschichte, so bezaubernd und nahegehend gespielt. Während des Films bekommt man kaum Möglichkeit nachzudenken, und gerade das muss man anschließend nachholen.

Diese Kritik klingt wie ein Trigami-Text. Nein, ich wurde nicht bezahlt dafür. Dieser Film hat mich wirklich beeindruckt, und lässt in mir den Wunsch entstehen, irgenwann einmal diesen Monsieur André kennen zu lernen. Vielen Dank für die DVD, Herr Schneider. Somit habe ich einen weiteren aufwühlenden Film in meiner Sammlung. Dankeschön. (Und gelacht habe ich, als “pussy” in den deutschen Untertiteln mit “Mumu” übersetzt wurde. Großartig.)

You wanna try out something… something different? //Ivy

Deed Poll // 2004 // Deutschland // Ingo J. Biermann // Barbara Kowa, Rainer-Maria Wittenauer, André Schneider, Gianni Meurer // englisch

Sweeney Todd

Tim Burton featuring Johnny Depp featuring Helena Bonham-Carter. Klingt nach einem guten Film. Dann auch noch den Plot ins London des 19. Jahrhunderts mit der Musikuntermalung von Stephen Sondheim. Ein perfekter Film, oder?

Ich habe mir einigermaßen etwas von diesem FIlm erwartet. Oscar-nominiert, von Tim Burton (ich liebe Big Fish und überhaupt seine Art, Dinge zu inszenieren). Und mit Depp, einem tollen Schauspieler und FightClub-Lady Bonham-Carter. Eigentlich die perfekte Mixtur.

Die Story stammt aus einem Groschenroman. Und das Drehbuch scheint auch nicht wirklich besser zu sein. Ein Barbier in London hat eine wunderschöne Frau und eine kleine Tochter. Der große Richter findet eben diese Frau schön, und lässt den Barbier verbannen. Fünfzehn Jahre später taucht er wieder auf, unter dem Namen Sweeney Todd. Und rächt und rächt.

Leider müssen die Charaktere in diesem Film auch noch singen. Zugegeben, dafür, dass sie eigentlich nur Schauspieler sind, singen sie nicht schlecht. Aber kommt es mir nur so vor, oder wiederholen sich die Songs alle zehn Minuten? Entweder sie singen von Beautiful oder von Johanna oder Frauen. Wie trivial, das Ganze.

Noch dazu schneidet Todd nach und nach Kehlen durch. Schön ästhetisch, sodass das Blut bis zur Kamera spritzt. Mir war ehrlich gesagt schlecht, neben der Langeweile, die sich durch den ganzen Film zog. Der Film ist makaber, in schönen Farben umgesetzt, aber einfach nur total schlecht. Eine größere Songauswahl hätte dem ganzen gut getan. Was mich am meisten gestört hat, ist die Überstilisierung und Dramatisierung des grauslichen Londons.

Und um jetzt noch schnell zusammenzufassen: ich zähle Sweeney Todd zu den langweiligsten Hollywood-Produktionen, die ich jemals gesehen habe. Er ist auch unter den Top-10 der schlechtesten Filme. Und definitiv der schlechteste Burton-Film (obwohl ich schon Sleepy Hollow grottenschlecht fand) und ebenso der schlechteste Depp-Film. Ich empfehle den Film allen, die Blut sehen wollen, Handlung gerne vermissen und Depp und Bonham-Carter singen hören wollen. Für alle anderen, ist es rausgeschmissenes Geld.

Mitten ins Gesicht.

Plötzlich stehen Tränen in meinen Augen. Der Kloß im Hals verfestigt sich, das Atmen wird schwerer. Und dann schlage ich das Buch zu.

Kein anderes Buch hat mich bisher so gefesselt und so viele Emotionen bei mir hervorgerufen wie dieses. Nur durch Zufall (Link 1: hoch21) wurde ich darauf aufmerksam. Habe es mir bestellt und wenige Tage nicht hineingelesen. Andere Bücher standen am Plan. Doch irgendwann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Und wurde nach Amsterdam eingeladen. In den Amstelveenseweg. Dort lebten Stijn und Carmen, und ihre Tochter Luna. Eine schöne Zeit könnten sie haben, alles wäre perfekt. Doch Carmen hat Brustkrebs.

Langsam, auf 364 Seiten wird man hineingezogen. Von der Wut auf den Doktor, dem Versuch der Ausflucht aus dem Alltag. Vom Zweifel. Und von der Entscheidung. Stijn, der monophobe junge Mann, der seine Frau schon unzählige Male betrogen hat. Carmen, die mit jeder Chemotherapie schwächer und schwächer wird. Luna, die von all dem noch nichts so richtig versteht. Und Frenk, Maud, Anne, Thomas, Roos und so viele andere. Eine Reise durch das Amsterdam von heute, ein Schicksal wie für unsere Zeit. Keine Goethe’sche Sprache, keine schrecklichen Floskeln. Einfach, wie das Leben ist. Manchmal vulgär, manchmal einfach nur heftig.

Gott, lasse es einen Himmel geben, wo wir einander wieder sehen werden.
Bitte.
Bitte.
Bitte, Gott.

Kluun, der niederländische Schriftsteller und Künstler hat dieses Buch geschrieben. Mitten ins Gesicht. Und genau dorthin trifft einen dieses Buch. Mit voller Wucht. Da sitzt man schon mal auf einer einstündigen Zugfahrt und verschlingt siebzig oder achtzig Seiten. Manchmal findet man Tränen, die langsam die Wange hinunterkullern. Man liest weiter, möchte das Ende gar nicht erreichen, und man weiß doch, wie alles enden wird. Ein dicker Kloß, ein aufgewühlter Magen waren die Folge des heutigen, abschließenden Buchkonsums. Und dann kommt man zum Ende und man spürt nichts mehr. Die Heftigkeit dieser letzten Abschnitte des Buches machen einen sprach-, machen einen atemlos. Man findet sich selbst, mit all seinen Ängsten. Man ist sowas von klein, viel kleiner könnte man nicht werden. Und dann kullert noch ein Tropfen und noch einer. Und während man zur Beruhigung eine Zigarette raucht, bricht es aus einem hervor. Und man fühlt sich alleine. Zitternd im Bett liegend. Nicht wissen, wieso.

Dieses Buch war das erste Stück Literatur, dass mich zum Weinen gebracht hat. Als ich minutenlang nach Fassung suchte. So wie Philadelphia im der Kategorie Film. Ich kann nicht sagen, ich liebe dieses Buch. Viel zu schrecklich ist das Geschriebene. Viel zu heftig, dass all das auf einer Tatsache beruht. Dieses Buch hat mich zumindest ein kleines bisschen verändert. Hat mich nachdenklich gemacht und mir einiges in Sachen Krebs gelehrt. Ich hoffe natürlich, dass ich dieses Wissen nie wieder hervorkramen muss, doch wie auch in dieser Geschichte, weiß man nie, was kommt. Ich habe noch nie so ein Buch gelesen, rezensiere deswegen auch hier zum ersten Mal ein Buch und lege es euch allen ans Herz.

ISBN: 987-3-596-16911-5
€ 8,95 (D), € 9,20 (Ö)