Plötzlich stehen Tränen in meinen Augen. Der Kloß im Hals verfestigt sich, das Atmen wird schwerer. Und dann schlage ich das Buch zu.
Kein anderes Buch hat mich bisher so gefesselt und so viele Emotionen bei mir hervorgerufen wie dieses. Nur durch Zufall (Link 1: hoch21) wurde ich darauf aufmerksam. Habe es mir bestellt und wenige Tage nicht hineingelesen. Andere Bücher standen am Plan. Doch irgendwann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Und wurde nach Amsterdam eingeladen. In den Amstelveenseweg. Dort lebten Stijn und Carmen, und ihre Tochter Luna. Eine schöne Zeit könnten sie haben, alles wäre perfekt. Doch Carmen hat Brustkrebs.
Langsam, auf 364 Seiten wird man hineingezogen. Von der Wut auf den Doktor, dem Versuch der Ausflucht aus dem Alltag. Vom Zweifel. Und von der Entscheidung. Stijn, der monophobe junge Mann, der seine Frau schon unzählige Male betrogen hat. Carmen, die mit jeder Chemotherapie schwächer und schwächer wird. Luna, die von all dem noch nichts so richtig versteht. Und Frenk, Maud, Anne, Thomas, Roos und so viele andere. Eine Reise durch das Amsterdam von heute, ein Schicksal wie für unsere Zeit. Keine Goethe’sche Sprache, keine schrecklichen Floskeln. Einfach, wie das Leben ist. Manchmal vulgär, manchmal einfach nur heftig.
Bitte.
Bitte.
Bitte, Gott.
Kluun, der niederländische Schriftsteller und Künstler hat dieses Buch geschrieben. Mitten ins Gesicht. Und genau dorthin trifft einen dieses Buch. Mit voller Wucht. Da sitzt man schon mal auf einer einstündigen Zugfahrt und verschlingt siebzig oder achtzig Seiten. Manchmal findet man Tränen, die langsam die Wange hinunterkullern. Man liest weiter, möchte das Ende gar nicht erreichen, und man weiß doch, wie alles enden wird. Ein dicker Kloß, ein aufgewühlter Magen waren die Folge des heutigen, abschließenden Buchkonsums. Und dann kommt man zum Ende und man spürt nichts mehr. Die Heftigkeit dieser letzten Abschnitte des Buches machen einen sprach-, machen einen atemlos. Man findet sich selbst, mit all seinen Ängsten. Man ist sowas von klein, viel kleiner könnte man nicht werden. Und dann kullert noch ein Tropfen und noch einer. Und während man zur Beruhigung eine Zigarette raucht, bricht es aus einem hervor. Und man fühlt sich alleine. Zitternd im Bett liegend. Nicht wissen, wieso.
Dieses Buch war das erste Stück Literatur, dass mich zum Weinen gebracht hat. Als ich minutenlang nach Fassung suchte. So wie Philadelphia im der Kategorie Film. Ich kann nicht sagen, ich liebe dieses Buch. Viel zu schrecklich ist das Geschriebene. Viel zu heftig, dass all das auf einer Tatsache beruht. Dieses Buch hat mich zumindest ein kleines bisschen verändert. Hat mich nachdenklich gemacht und mir einiges in Sachen Krebs gelehrt. Ich hoffe natürlich, dass ich dieses Wissen nie wieder hervorkramen muss, doch wie auch in dieser Geschichte, weiß man nie, was kommt. Ich habe noch nie so ein Buch gelesen, rezensiere deswegen auch hier zum ersten Mal ein Buch und lege es euch allen ans Herz.



ISBN: 987-3-596-16911-5
€ 8,95 (D), € 9,20 (Ö)

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