
Etwas mehr als vierzig Minuten sanfte Gänsehaut und ein besonderes Ambiente. Leicht beängstigend und zum Schluss hin verstörend.
Durch den Blog von André habe ich schon so einiges über diesen Film gelesen. Deed Poll, ein deutscher Film, in englischer Sprache. Vor kurzem bekam ich das Päckchen mit der DVD und einer lieben Karte vom Drehbuchautor und Hauptdarsteller und sah ihn mir am selben Abend an.
Was mich an diesem Film sofort beeindruckt hat, ist die kühle Stimmung, die einen von Anfang an beunruhigt. Der Geschichte startet schnell, und erfährt nie einen Abbruch. Die S/W-Einstellung mit dem mir scheinbar eintretenden Einsatz von ganz wenig Farbe trägt zum Flair des Films bei. Der langsame Wechsel der Szenen und die dabei benützte Stille lässt warten und hoffen und glauben.
Deed Poll erzählt die Beziehung zweier reicher Geschwister, Sean und Ivy Poll, die nach dem gewaltsamen Tod der Eltern ihre lange verheimlichten Leidenschaften freilassen und nichts mehr darauf geben, den gewohnten “schönen Schein”, den sie durch ihre vornehme Erziehung aufgezwungen bekamen, zu wahren. Sie schaffen sich einen wertfreien Raum in ihrer Villa, in dem sie ihre Leidenschaften und Fantasien unreflektiert und unkontrolliert in die Tat umsetzen. //Homepage von Ingo J. Biermann
Der gesamte Plot beängstigt. Die scheinbar gewissenlose Ivy, die mit dem Mord an ihren Eltern die Freiheit zu genießen beginnt. Sean, der in der Liebe zu seiner Schwester auflebt. Die Drogen, die Menschen dazu bewegen, Dinge zu tun. Die Karten, das Symbol, welches sich durch den ganzen Film spinnt. Nathaniel, der junge Mann, der in der Verbundenheit zu Ivy, sich selbst aufgibt. Und schlussendlich auch der sprachlose Thor, der mit seinen Blicken und seiner Mimik die Spannung zum Schluss hin mehr und mehr aufbaut.
Dazwischen das Ausleben der Leidenschaft. Der Versuch durch sexuelle Abenteuer das Gefühl der Freiheit zu spüren. Homo- und heteroerotische Sexszenen, mit (vielleicht gespielter, vielleicht echter) Leidenschaft und Gefühl. Ivys Sehnsucht nach etwas Außergewöhnlichen. Ästhetische Sexszenen, zu zweit, zu dritt … zu viert. Und zwischen all der Sehnsucht nach Offenbarung der stetige Wunsch nach Liebe. Am Schluss endet die Liebe dort, wo man sie am wenigsten vermutet hat. Der Film ist etwas mehr als vierzig Minuten lang. Schön, dass er so kurz gehalten wurde. Dann hätte er wohl an Intensität verloren.
Die Einordnung des Regisseur als schwarze Satire empfinde ich als unpassend. Für mich war der Film viel eher bedrückend und aufwühlend. Wenig lustig, viel mehr zeigt vor allem das Ende die Abgründe des menschlichen Sein. Die Unverfrorenheit, die Folgen von Drogen und das Ende einer Liebe in der Fortsetzung eines Kartenspiels.
Die Kamerführung zeigt manchmal schnelle Schnitte, manchmal ganz langsame. Und obwohl alle vier Hauptdarsteller unglaubliche Arbeit leisten, möchte ich die schauspielerische Leistung von André Schneider und Gianni Meurer hervorheben. André, in seiner anmütigen Sanftheit, dem Spiel mit den Worten, und seinen Augen. Und genau jene haben mich auch bei Gianni Meurer beeindruckt. Durch die fehlenden Worte erscheint seine Person anfangs unscheinbar und entwickelt sich zum Schluss hin zum Hauptaugenmerk. Und André hat mit dem Drehbuch zu diesem Film auch sein unglaubliches Talent in diesem Metier bewiesen.
Erwartet euch vorher nichts. Der Film ist sowieso anders als alle Erwartungen sein können. Er ist in seiner eigenen Art wunderbar. Hat mich aufgewühlt und es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich wieder richtig beruhigen konnte. Es ist ein Kunstwerk an sich. Eine verrückte Geschichte, so bezaubernd und nahegehend gespielt. Während des Films bekommt man kaum Möglichkeit nachzudenken, und gerade das muss man anschließend nachholen.
Diese Kritik klingt wie ein Trigami-Text. Nein, ich wurde nicht bezahlt dafür. Dieser Film hat mich wirklich beeindruckt, und lässt in mir den Wunsch entstehen, irgenwann einmal diesen Monsieur André kennen zu lernen. Vielen Dank für die DVD, Herr Schneider. Somit habe ich einen weiteren aufwühlenden Film in meiner Sammlung. Dankeschön. (Und gelacht habe ich, als “pussy” in den deutschen Untertiteln mit “Mumu” übersetzt wurde. Großartig.)
You wanna try out something… something different? //Ivy
Deed Poll // 2004 // Deutschland // Ingo J. Biermann // Barbara Kowa, Rainer-Maria Wittenauer, André Schneider, Gianni Meurer // englisch

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